Die Märchenbühne Klagenfurt - Märchen für Kinder

Frau Holle

Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Sie hatte aber die hässliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere musste alle Arbeit tun und das Aschenputtel im Hause sein. Das arme Mädchen musste sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen und musste so viel spinnen, dass ihm das Blut aus den Fingern sprang.

Nun trug es sich zu, dass die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen; sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück. Sie schalt es aber so heftig und war so unbarmherzig, dass sie sprach: »Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf. « Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wusste nicht, was es anfangen sollte; und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und vieltausend Blumen standen ...


Die berühmte Geschichte von der fleißigen Goldmarie und der faulen Pechmarie hat in den letzten Jahrzehnten wohl manchen Protest aus emanzipatorischen Kreisen hervor gerufen. Will man doch heute die Begriffe von fleißig und faul längst nicht mehr in ihrer eindimensionalen moralischen und erzieherischen Qualität hinnehmen, wie das vielleicht noch unsere Großmütter taten.

Aber wie so oft im Märchen geht es ja gar nicht um äußeres Geschehen, sondern um innere Aktivität. Um das Aufgeschlossensein der Seele für die Wunder der Natur, für die Nöte unserer Umgebung und das lustvolle Ausleben unserer Potenziale. Wer in dieser Weise sein Leben gestaltet, wird mit dem Gold belohnt, das „sein Lebtag nicht mehr abgeht“. Also kein irdisches Gut, sondern innerer Zuwachs und Gewinn, der sich vielleicht in Zufriedenheit und Lebensfreude ausdrückt. So mag man es wohl bei der reich beschenkten Goldmarie vermuten, wenn sie über und über mit Gold bedeckt nach Hause zurückkehrt.

 

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